Nach 17 Jahren "Zurück im Sattel"

Sich nicht zu bewegen, keinen Sport zu treiben, ist einfach. Du musst einfach nur nichts tun. Was aber passiert, wenn du genau das tust, nämlich nichts, und zwar über Jahre? Was passiert, wenn du zudem noch Chips und Cola konsumierst, jeden Tag.
Ich habe es probiert, ohne es zu realisieren oder es schlimm zu finden, bis zu diesem einen Tag.

Früher war alles besser, oder?

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen. Die Sonne schien und ich quälte mich mit dem Rennrad einen Berg hinauf. Das war in Bayern und somit war es wirklich ein Berg und nicht nur ein Hügel wie hier im Norden. Ein tolles Gefühl. Das war immer das Schönste am Radfahren: lange Anstiege, denn eines ist bereits klar während die Beine noch brennen, die Belohnung - die Abfahrt - kommt bestimmt.

Das ist ziemlich genau 17 Jahre her und es war eine der letzten Ausfahrten für eine sehr, sehr lange Zeit. Was danach passierte, nennt man Leben. Die Prioritäten verschoben sich und die Anzahl der Ausreden, nicht mit dem Renner unterwegs zu sein, nahm stetig zu. Das, was du noch vor Kurzem so sehr liebtest, ist auf einmal gar nicht mehr so wichtig. Und bevor du dich versiehst, sind Jahre oder gar Jahrzehnte vergangen, du bist älter geworden und der ungesunde Lebenswandel und die fehlende Bewegung fordert ihren Tribut.

Es muss nicht immer das Rennrad sein aber ohne Bewegung geht es nicht

Eben kurz über die Straße laufen? Stockwerkeweise Treppensteigen? Mit dem Sohn Fußball spielen? All das fühlt sich mit der Zeit anders an als früher. Es wird immer schwerer und plötzlich findest du dich im Fahrstuhl wieder, anstatt die Treppe zu nehmen. Oder du stehst fortan beim Fußball lieber im Tor. Aber eines Tages kommt der Moment, an dem du realisierst, dass es so nicht weitergeht.

Bei mir kam dieser Moment, als ich fast 100kg auf die Waage brachte, mindestens einen Liter Softdrinks pro Tag trank und viel zu viel Schoki und Chips aß. Jeden Abend, sieben Tage die Woche. Und dann kam diese eine Nacht. Ich wachte mit Luftnot schweißgebadet auf, einen Ruhepuls von fast 100 Schlägen pro Minute, und fand mich inmitten einer ausgewachsenen Angstattacke wieder.

Es ist nicht so, als hätte sich das nicht angekündigt. Die Luft auch für kleinere Aktivitäten fehlte mir schon länger, kein Vergleich zu früher, der Bauch wurde immer dicker und das allgemeine Wohlbefinden immer schlechter. Wohl wissend, dass es vor allem die Gewohnheiten waren, die mich immer den gleichen ungesunden Kram zur selben Gelegenheit verputzen ließen, war ich doch unfähig etwas daran zu ändern.

Das schlechte Gewissen mag gern Schokolade und den kalten Kaffee mit viel Zucker aus einer Flasche mit einem roten Etikett.

Ernste körperliche Konsequenzen vor Augen erinnerte ich mich daran, dass es da etwas gab, was ich früher so sehr liebte, für das ich aber ausgesprochen lange viel zu faul und eingefahren war. Das Radfahren.

Gewohnheiten. Freund oder Feind?

Gewohnheiten sind etwas Gutes, wenn es darum geht Routinen zu entwickeln, die dich voranbringen. Hast du eine Gewohnheit etabliert, wie z. B. täglich 30 Minuten Rad fahren, dann denkst du irgendwann nicht mehr darüber nach, ob du es tun möchtest. Du tust es einfach. Es wird Routine und du vermisst es, wenn du es einmal nicht tust. Und das ist gut so, das sind positive Gewohnheiten.

Negative Gewohnheiten hingegen sind (z. B.) die Flasche Cola oder die Tüte Chips vor dem Fernseher. Eine negative Gewohnheit ist aber auch das Feierabendbierchen zum Abendessen (jeden Tag), ...

Dass Gewohnheiten oftmals das Problem sind, merkst du daran, dass du plötzlich gar kein Verlangen mehr nach Cola und CHips verspürst, wenn du mal nicht, wie jeden Abend, vor dem Fernseher hockst. Oftmals ist es nicht, dass du diese Dinge aktiv willst, die schlechte Gewohnheit und die Umgebung, die mit dieser Gewohnheit verknüpfft ist, zwingt dich förmlich dazu.

Welches Ziel auch immer du verfolgst, eine positive Gewohnheit zu etablieren ist der erste Schritt. Ich habe zwei Dinge für mich geändert und in positive Gewohnheiten verwandelt:

  1. Mit dem Rad zur Arbeit, und zwar jeden Tag auch im Homeoffice. Ich nenne das virtuelles Pendeln. Ich fahre nicht wirklich ins Büro, sondern ich tue nur so. Zumindest dann, wenn ich nicht wirklich mit dem Rad ins Büro fahre, anstatt das Auto zu nehmen.

  2. Verzicht auf Zucker und verarbeitete Lebensmittel und möglichst auf das Feierabendbierchen.

Das war im Dezember 2022. Startgewicht 90 kg, Fitnesslevel "Zunge auf dem Boden" oder "schnaufende Eisenbahn". Heute, 5 Monate später, 13 kg weniger und fast 2000 km in der Kette blicke ich zurück und bin stolz, aber auch dankbar, dass das Etablieren dieser zwei positiven Gewohnheiten die Wende brachte. Wider Erwarten fiel es mir gar nicht so schwer.

Ich habe den Schalter umgelegt, zugegeben aus konkretem Anlass, und der fehlende Zucker und die Süßigkeiten habe ich nicht einmal vermisst. Ausgleichsdrogen sind Nüsse aller Art und Kaffee. Warum es mir rückblickend so leicht fiel, weiß ich nicht. Ich vermute aber, dass das nicht jedem so leicht fallen wird. Auch ich habe es früher schon versucht und bin oft genug gescheitert.

Was ist also, wenn du deine eigenen positiven Gewohnheiten etablieren möchtest - vielleicht sogar das Radfahren - es aber einfach nicht schaffst? Hier kann ich dir leider keinen Rat geben, denn genau diese zwei Dinge haben für mich von jetzt auf gleich funktioniert. Ehrlicherweise aber auch erst nach diesem einen konkreten Anlass und einigen Jahren, in denen sich die schlechten Gewohnheiten zuerst immer mehr zementiert haben.

Und so bin ich mit fast 50 wieder zurück im Sattel. Das ist es, was wirklich den Ausschlag gab. Die Leidenschaft ist zurück. Nebenbei verzichte ich auf Zucker in jeglicher Form (es sei denn, ich bin mit dem Renner unterwegs und brauche Energie) und arbeite an mir, trainiere regelmäßig.

Es ist definitiv anders als es früher war. Reichten damals ein paar Wochen, um eine 100er-Tour fahren zu können, dauert es heute ein paar Monate. Alles dauert länger, das Training, die Regeneration und alles erfordert etwas mehr Geduld. Mit fast 50 ticken die Uhren anders, aber es macht noch immer - oder sollte ich sagen wieder - unheimlich viel Spaß.

Und die Geduld ist es wohl auch, die mich am Ende die Wende hat schaffen lassen.

Da dies aber erst der Beginn der Reise ist, möchte ich dich mitnehmen und dir von meinen Erfahrungen auf und mit dem Rennrad berichten.

Mit etwas Glück findest du den ein oder anderen Tipp sogar wertvoll für deinen eigenen Weg.

Wie geht es weiter?

Für diese Saison (2023) habe ich mir vorgenommen, langsam aber sicher den Schritt in Richtung Langstrecke zu gehen. Brevets oder andere Veranstaltungen wie der MSR300 (Mecklenburger Seenrunde) sind die Ziele für die kommenden Jahre. Früher ging es um Geschwindigkeit, den Schnitt. Immer noch ein bisschen schneller. Heute gehe ich es ruhiger an, auch wenn der alte Marco ab und zu noch immer durchkommt. Weit und lange ist das neue schnell.

Und genau darum soll es in meinem Blog gehen.

Ich möchte dich motivieren, ich möchte dir Hilfestellung geben und natürlich mit bestem Beispiel vorangehen. Wenn du Interesse am Rennradfahren hast, gern an deinem Renner tüftelst oder das nächste große Ding planst, lass uns diese Interessen teilen.

Also rauf auf das Rad, den Sommer genießen und etwas Gutes für die Seele und den Körper tun.

Bist du dabei?